Verstehen, was heute wirkt
Identität & Psychotrauma
Wer wir sind, zeigt sich nicht nur in dem, was wir über uns denken. Identität entsteht auch darin, wie wir fühlen, entscheiden, Beziehungen gestalten, Grenzen wahrnehmen und mit Belastungen umgehen.
Frühere Erfahrungen können unsere heutige Wahrnehmung und unsere Reaktionen beeinflussen. Diese Zusammenhänge zu verstehen, kann helfen, Vergangenes und Gegenwärtiges besser zu unterscheiden und neue Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.
Auf dieser Seite werden allgemeine Zusammenhänge und ein Bezugsrahmen meiner Arbeit erklärt. Sie ersetzen keine individuelle diagnostische oder fachliche Einschätzung.
Identität
Viele Seiten – und dennoch ein eigenes Ich.
Menschen erleben sich in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich. Manche Seiten fühlen sich klar, lebendig und handlungsfähig an. Andere reagieren vorsichtig, angepasst oder kontrollierend – oder ziehen sich zurück.
Solche inneren Bewegungen sind zunächst menschlich. Sie können zugleich Hinweise darauf geben, welche Erfahrungen uns geprägt haben und welche Strategien einmal notwendig waren. Entscheidend ist nicht, eine vermeintlich „richtige“ Identität herzustellen, sondern das eigene Erleben genauer unterscheiden zu lernen.
Wer bin ich – und was will ich?
Diese Fragen begleiten uns ein Leben lang. Ihre Antworten liegen nicht fertig bereit. Sie entstehen im Erkennen eigener Reaktionen, im Verstehen wiederkehrender Dynamiken und im wachsenden Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
Ein Modell darf Orientierung geben. Es sollte einen Menschen niemals festlegen.
Psychotrauma
Wenn eine Erfahrung die eigenen Möglichkeiten überfordert.
Traumatisierende Erfahrungen können entstehen, wenn eine Situation als existenziell bedrohlich oder überwältigend erlebt wird und die vorhandenen Möglichkeiten, sie zu bewältigen, nicht ausreichen. Wie Menschen darauf reagieren und was sie zur Verarbeitung brauchen, ist individuell.
Spuren solcher Erfahrungen können noch lange später wahrnehmbar sein. Nicht jede Belastung ist ein Trauma, und nicht jede Reaktion bedeutet automatisch eine Traumafolgestörung. Eine individuelle Einordnung gehört in einen fachlichen Rahmen.
Im eigenen Erleben
Zum Beispiel durch innere Unruhe, Rückzug, starke Wachsamkeit, Leere oder das Gefühl, nicht ganz bei sich zu sein.
In Beziehungen
Etwa wenn Nähe und Distanz schwer auszuhandeln sind, Grenzen unsicher werden oder bestimmte Konflikte immer wiederkehren.
Im Alltag
Beispielsweise in der Konzentration, im Beruf, im Körpererleben oder in der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und Bedürfnisse wahrzunehmen.
Der Zusammenhang
Schutzstrategien sind kein persönliches Versagen.
Was heute einengt, kann früher eine wichtige Schutzfunktion gehabt haben. Anpassung, Rückzug, Kontrolle oder inneres Abschalten entstehen nicht grundlos.
In der Zusammenarbeit geht es deshalb nicht darum, diese Reaktionen zu bekämpfen. Wir versuchen, ihre Entstehung und ihre heutige Wirkung zu verstehen. So kann deutlicher werden, was noch zur vergangenen Erfahrung gehört – und was Sie heute tatsächlich brauchen und entscheiden können.
Ein Bezugsrahmen meiner Arbeit
IoPT und die Sprache der inneren Anteile.
Die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie und -arbeit, kurz IoPT, wurde von Franz Ruppert entwickelt. Sie beschreibt psychisches Erleben mithilfe verschiedener Ich-Anteile. Diese Begriffe können als Landkarte dienen, um innere Dynamiken verständlicher zu machen.
Wichtig: IoPT ist ein spezifisches theoretisches Modell und wird hier als solches benannt. Die Begriffe sind keine Diagnose und keine unumstrittene allgemeine Erklärung menschlicher Psyche.
Gesunde Anteile
Im Modell sind damit Seiten gemeint, die die gegenwärtige Realität wahrnehmen, eigene Bedürfnisse erkennen und handlungsfähig bleiben können.
Überlebensanteile
Sie stehen für Strategien, die nach einer überwältigenden Erfahrung Schutz und Funktionieren ermöglichen sollen. Später können diese Strategien einengen.
Traumatisierte Anteile
Sie bezeichnen im Modell Erfahrungen, Gefühle oder Körperreaktionen, die in der damaligen Situation nicht ausreichend verarbeitet werden konnten.
Was daraus für die Zusammenarbeit folgt
Traumasensibel heißt: transparent und gemeinsam.
Traumasensible Begleitung richtet den Blick nicht nur auf ein vergangenes Ereignis. Sie berücksichtigt auch die heutige Situation, vorhandene Ressourcen und das Maß an Annäherung, das gerade hilfreich und tragbar ist.
Eine häufige Sorge
Muss ich Schreckliches noch einmal durchleben?
Diese Sorge ist verständlich. Traumasensible Begleitung zielt nicht darauf, Sie unvorbereitet erneut zu überwältigen. Tempo, Tiefe und Vorgehen werden transparent besprochen. Sie dürfen jederzeit innehalten, nachfragen oder eine Richtung verändern.
Oft beginnt der Prozess damit, das Erlebte behutsam einzuordnen, Worte für die eigene Erfahrung zu finden und die damalige von der heutigen Realität unterscheiden zu lernen. Was bearbeitet wird, richtet sich nach Ihrem Anliegen, Ihrer aktuellen Stabilität und Ihrer Zustimmung.
Orientierung im Erstgespräch
Sie müssen Ihr Erleben noch nicht erklären können.
Im unverbindlichen Erstgespräch können wir gemeinsam sortieren, was Sie beschäftigt, welche Fragen Sie mitbringen und welcher Rahmen für Sie passend sein könnte.
Meine Praxis bietet keine Akut- oder Notfallversorgung. Bei unmittelbarer Gefahr wählen Sie bitte den Notruf 112; den ärztlichen Bereitschaftsdienst erreichen Sie unter 116117.
